Fingerspitzengefühl

Heft–02

3 Editorial    
4 Inhalt
6 Fundstück der Saison
8 News
10 Diane Fitzgerald
22 Fischgrätkurs
46 Lampwork: Martina Spitzenfeil
56 Atelierbesuch: Birgit Bergemann
65 Leserbriefe
76 Reportage: Bead and Button Show
84 Wissen: Fadenvorbereitung
89 Perlenladenverzeichnis
98 Fortbildung: Meisterklassen
102 Vorschau/Impressum

26 Anleitungen:
26 Armband „Krokodil“
28 Taschenschmuck
32 Blütenlariat
38 Halskette „Glory“
41 „Sternenstaub“-Ring
49 Halskette „Leopard“
50 Titel-Schmuckstück „Alkyone“
62 Halskette „Petite Fleur“
66 Korallenketten   
68 Halskette „Pussycat“
69 Halskette „Galaranke“   
80 „Gefädelte Perlen“   
86 „Blooming“
92 Halskette „Majestät“
95 Armband „Parthenon“

Martina Spitzenfeil hat den Dreh raus. Wenn ihr Mann auf Motorradtour geht, jongliert sie mit Glas und Flamme.

2210 Martina Spitzenfeil konzentriert an der Flamme.

Martina Spitzenfeil liebt Rosen. Unzählige Rosen aller Farben und Sorten klettern am Haus in Dortmund empor, hüllen die Garage ein und wachsen überhängend im Garten. Von ihr angelegt und gepflegt, gleicht er einem wunderschönen Park. Martina ist verheiratet, Lehrerin für Kunst und Englisch am Gymnasium, Mutter eines Teenagers. „Künstlerisch Schönes zu gestalten, sehe ich nicht als Ausgleich oder Therapie für mich“, sagt sie. Sie ist eine Frau mit unbändiger Lust am Schaffen. Immer schon hat sie kunsthandwerklich gearbeitet: gestickt, gestrickt, gebildhauert, getöpfert. Seit sie Glasperlen wickelt, Sie ahnen es schon, ist sie gefangen. „Es hat einfach süchtig gemacht“, sagt sie „denn es gibt immer neue Farben und Materialien ...“ Wie hat sie angefangen?

2211 Die Grundperle wird gewickelt.

2212 Die Grundperle wird verbreitert.

2213 Die Grundperle wird weiter auf Temperatur gehalten.

2214 Eine Rosenverzierung wird aufgebracht.

2215 Mit Hilfe eines Beitels werden Blumenapplikationen geformt.

Martina erzählt, dass sie erst mit Rocailles gehäkelt hat und 2003 begann, Glasperlen zu wickeln. (Man wickelt das heiße weiche Glas oberhalb einer Flamme um einen Dorn.) Nachdem sie sich Zubehör gekauft hatte, startete sie einfach in ihrem Keller  – ohne allzu viel darüber zu wissen. Über das Internet tauschte sie sich mit Gleichgesinnten aus. Etwa ein halbes Jahr später belegte sie ihren ersten Kurs bei GlasDesign Volkmann in Hamburg. Ihre Lehrerin dort war Corina Tettinger aus den USA. Zwei Jahre besuchte sie Wochenendkurse, bevor sie selber welche gab. „Die Szene ist ja erst einige Jahre jung“, sagt sie. „Zusammen mit einer Freundin aus Hagen bin ich praktisch die Glaswickel-Pionierin des Ruhrgebiets.“ Ihr Markenzeichen sind florale Formen, die sie als von ihrem Garten beeinflusst bezeichnet. Martinas Objekte sind zauberhafte Preziosen: Blüten, kleine Frösche – manchmal mit Krone  –, freundliche, elfengleiche Wesen mit Kinderaugen, Herzen, Erdbeeren. Aus ihnen entstehen Ketten, Armbänder und Anhänger – oft in Kombination mit Holz- und Kristallschliffperlen.

2216 Froschkönig aus Glas

Natürlich gibt sie weiterhin Kurse. Niemand sollte denken, dass er mal so eben schöne Perlen wickeln kann. „Es ist wie mit allem im Leben, das man meisterlich beherrschen möchte: Man muss üben, üben, üben.“ Und so regt es Martina ein wenig auf, wenn auf Ausstellungen oder Märkten Menschen die Schmuckstücke betrachten und meinen „Ach, für diesen Preis kann ich die doch selber machen“ und weitergehen.

2217 Elfenperle.

Die „Leichtigkeit“, die ihre Stücke ausstrahlen, lässt nicht unbedingt erahnen, welche Kunstfertigkeit die Herstellung erfordert. Weiß der Laie, welche Hitze beim Perlenwickeln entsteht? Weiß er um die Herausforderung, das Glas sowohl zu erhitzen als auch ständig zu kühlen? Wird es nämlich nur ein wenig zu heiß, dann laufen die Farben und Muster ineinander, wird es zu kalt, dann zerspringt das Glas während des Prozesses und man muss neu anfangen. Apropos „Prozess“: Man kann nicht einfach mit der Arbeit an einer Perle beginnen, sie ablegen und später weitermachen. Eine Perle muss immer zu Ende gearbeitet werden, bevor man sie „abtempert“, d. h., sie in einem Perlenofen langsam abkühlen lässt oder in ein spezielles Abkühlgranulat legt. Man mag die Technik der Herstellung verstehen, doch es braucht Zeit und Übung, bis die Hände schließlich fast automatisch wissen, was sie zu tun haben.

2218 Schmuck kombiniert aus Spitzenfeil-Kreationen.

Jetzt begleiten wir Martina in die als Werkstatt eingerichtete Garage. Ein freundliches Grün an den Wänden trägt die heitere Gartenatmosphäre auch hier hinein. Während sie vor ihrem Brenner sitzt und einen Glasstab erhitzt, erzählt sie – ganz Lehrerin:

2219 Martina Spitzenfeil umgeben von ihren Inspirationsquellen.

„Um den Dorn wickelt man eine Grundperle, das Loch bildet den Per­lenkanal. Dadurch, wie viel Glas ich anwickele, bestimme ich die Breite der Perle. Natürlich kann man unendlich viele Formen wickeln. Es gibt auch Pressen für bestimmte Formen. Wenn meine Perle rund genug geworden ist, nutze ich spezielle mehrfarbige Glasfädchen, die ich für meine Blümchen vorbereitet habe; sie werden als Dekoration, zum Beispiel als Blätter, auf die abgekühlte Oberfläche der Grundperle aufgesetzt ...“ Während wir sie fotografieren, hören wir noch einen Satz, der tief aus ihrem Herzen kommt: „Ach, es gibt ja noch so viel zu lernen!“
Martina Spitzenfeils Arbeiten sind unter www.beadbunch.de zu sehen.