03 Editorial
04 Inhalt
06 Fundstücke der Saison
08 News | Termine
10 Huib Petersen
22 Peyote-Kurs
50 Spiel mit Perlen und Filz
68 Vom Zeitgeist geprägt - Perltaschen
82 Wissen: Kleine Fadenkunde
86 Perlenladenverzeichnis
90 Natacha Wolters
94 Vorschau/Impressum
26 Mosaikarmband
28 Armband "Phantom der Oper"
32 Perlbox "Carmen"
35 Halskette "My Fair Lady"
37 Kette, Ohrhänger "La Traviata"
41 Armband "Zauberflöte"
43 Kette "Dalliance"
45 Kragen-Lariat "Blue Bird"
48 Schwingender Schmuck
49 Halskette "Wilde Fädelei"
56 Titelanleitung "Autumn's Glory"
64 Handschmuck "Skylla"
74 Schmuck-Ensemble "Snowflake"
85 Armband Atención"
Die Perltaschen und -beutel aus dem Museum Ulzen stammen aus der Zeit des Biedermeiers (1815–1848) bis zum Art déco (1920–1940), deren Stilrichtungen sie widerspiegeln. Alle sind gestrickt – bis auf Nr. 2, die gehäkelt ist. In ganz Europa, bis hin nach Russland, faszinierten zu dieser Zeit die Perlarbeiten. Im Zeitgeist des Biedermeiers, als sich das Bürgertum auf Häuslichkeit, Familienleben und Gemütlichkeit besann, spielte die Frau – zumindest im wohlhabenden Bürgertum – ihre Rolle meist nur im häuslichen Bereich. Von mühevoller Arbeit war sie frei, das erledigten dienstbare Geister. Sie brauchte nur am Klingelzug – ein mit Perlen besticktes breites Band mit einem Griff am unteren Ende und einer Glocke am oberen Quersteg – zu läuten und eine Tasse Kaffe oder Tee wurde ihr gereicht. So hatte sie genügend Zeit, den Geist zu bilden und kunstgewerbliche Gegenstände zu fertigen. Gern lud frau auch zu Geselligkeiten in den Salon.
In allen textilen Techniken wurden wahre Kleinodien geschaffen. Perlen spielten dabei eine besondere Rolle: ein wundervolles Arbeitsmaterial, das Glashütten aus langen, von Hand gezogenen Glasröhren in Form von winzigen „Rocailles-Perlen“ in unermesslicher Farbvielfalt her-gestellten.
Geschäftstüchtige Berliner Verleger erkannten, dass diesem Arbeitseifer mit Vorlagen unter die Arme gegriffen werden konnte. Meist namenlos gebliebene Verlegerfrauen und Künstler, erstellten Anleitungen in Form von Bildern oder kleinen Zeichnungen, die dann entweder mit grafischen Zeichen (Piktogramme) oder mit Wasserfarben in Heimarbeit auf gerastertes Papier oder Karton übertragen wurden. „Berlin Woolwork“ war das Zauberwort. Nun konnte jedermann kleine Kunstwerke schaffen, die aus Wolle bzw. Seide und Glas- oder Metallperlen bestanden. Eine Stickerin nannte dieses Anleitungsmuster „Stickvorlage“, eine Perlarbeiterin „Fassvorlage“, da sie die Perlen dem Muster entsprechend vor dem Abstricken oder Einhäkeln auf den Faden reihen, also „fassen“ musste. Mithilfe einer guten Anleitung und bei genügend Ausdauer entstanden farbige Kostbarkeiten. Einige blieben erhalten und strahlen heute noch ihren unwiderstehlichen Charme aus. In der Antiquitätenszene oder bei Auktionen im Internet erzielen sie ihre Preise.
Für zeitlich aufwendige Perlarbeiten wie Beutel und Taschen entwickelte sich auch schnell eine Hausindustrie. Im süddeutschen Raum um Schwäbisch Gmünd und Göppingen, später auch in Sachsen, siedelten sich Werkstätten an, die die Herstellung federführend übernahmen. Sie ließen die Perlen den Vorlagen entsprechend direkt in der Werkstatt oder von im Umland lebenden Heimarbeiterinnen auf den Faden reihen und meist von anderen wieder abstricken bzw. abhäkeln. Für besonders häufig vom Handel gewünschte Modelle eines Beutels oder einer Tasche übersetzte man die Fassvorlage mit den farbigen Quadraten in einen einfacher abzulesenden „Fassbrief“: 3 rot, 1 blau, 2 rosa …
Unter den frühen Beuteln waren viele als Tabakbehältnis für den Mann gedacht. Oft war ein umlaufendes Muster aus Jagdszenen und Idyllen eingearbeitet. Den oberen Rand zierten beispielsweise bandförmige Ornamente, manchmal mit laufenden Hunden, während die Beutelspitzen – häufig nach verschiedenen Vorlagen – kleine Blüten, Füllhörner oder Ornamente in den einzelnen Segmenten zeigen. Gefüttert wurden die locker fallenden, aus Cordonetteseide gestrickten Beutel mit weichem Glacéleder, damit der Tabak nicht durch das Maschenwerk rieseln konnte. Für die Beutel der Damen waren Blumenmuster beliebt, sowohl im breiten, in der Mitte umlaufenden Musterband, als auch am oberen Rand in Form von Blumenranken oder auch Streublümchen in den Segmenten der Beutelspitze. Gefüttert waren die Beutel mit zarter Seide – waren doch die Dinge, die hineingelegt wurden, ohnehin in kleinen Etuis, wie Handarbeitsutensilien, Brille u.Ä.
Blumen, Jagdszenen, Idylle, Spruchbänder und Initiale spielten im Biedermeier eine große Rolle bei der Mustergestaltung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verflachten die Muster. Vor der Jahrhundertwende sammelte der Industrielle Fritz Schaupert in Süddeutschland alte Vorlagen und versuchte damit noch einmal an die „guten Zeiten“ anzuknüpfen. Doch erst als der Stil des Art déco in die Gestaltung einfloss, kamen noch einmal wahre kleine Kunstwerke mit ihren geometrischen Mustern zustande. Die „Wiener Werkstätte“ (1903–1932), eine Produktionsgemeinschaft von Künstlern, die sich zum Ziel gesetzt hatten, sowohl Gegenstände des täglichen Gebrauchs als auch Schmuck und Möbel künstlerisch eigenständig und hochwertig zu entwerfen und zu produzieren, trug wesentlich dazu bei, den Zeitgeist in die Perlbeutel und –taschen fließen zu lassen.